Ärzteschulungen / Prof. Lerchl / Brief 1
Offener Brief
an Prof. Dr. rer.nat. Alexander Lerchl
Jacobs University Bremen
betreffend unabhängiger Ärzteschulungen
Von der Mobilfunkindustrie finanzierte umweltmedizinische Ärzteschulungen >>> [27 KB]
Sehr geehrter Herr Prof. Lerchl,
unsere soeben gegründete ‚Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie’ hat von der Auseinandersetzung zwischen Ihnen und Herrn Dr. med. Wolf Bergmann erfahren, die sich aus einer industriefinanzierten Ärzteschulung heraus entwickelt hat.
Die Initiative sieht sich in mehrfacher Hinsicht von den Vorgängen mittelbar betroffen. Die Punkte III/2, III/4 und III/5 des beigefügten Grundsatzprogramms machen die Verpflichtung auf den Eid der Ärzte und die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft, damit zugleich den Widerstand gegen jede Art von wirtschaftlicher oder politischer Instrumentalisierung zu einem zentralen Anliegen der Initiative. Die allgemeine Kritik von Dr. Bergmann an den Ärzteschulungen des IZMF entspringt genau diesen Orientierungen und wird von allen Unterzeichnern/innen der Initiative geteilt.
Überzogene Geldforderungen scheinen uns in diesem Zusammenhang nicht nur als Versuch, unliebsame Kritiker der Schulungen mundtot zu machen. Sie verschleiern auch den eigentlichen Kern der Auseinandersetzung. Die u. E. in den Ärzteschulungen des IZMF betriebenen Verharmlosungen wurden auch in Schulungsberichten anderer Teilnehmer dokumentiert.
Wenn Sie sich durch Äußerungen in einem solchen Bericht persönlich verletzt gefühlt haben, so bedauern wir das mit Herrn Dr. Bergmann. Aber wir dürfen auch feststellen, daß zahlreiche Ärzte Veranstaltungen dieser Art nicht mit ihrem Berufsethos vereinbaren können, weil sie nach ihrer Überzeugung gegen den Vorsorgeauftrag nach Artikel 2.2 GG und Artikel 174 des EG-Vertrags verstoßen.
Anhand des Forschungsstandes weisen Vertreter der Kompetenzinitiative gern nach, was alles ignoriert und geleugnet wurde. Uns liegen aus vergleichbaren Kontexten auch genügend Beweise vor, die belegen, wie weit Industriefinanzierung mit Einflüssen auf Forschung und Aufklärung einhergeht, was kürzlich u. a. die Benevento-Resolution entschieden kritisiert hat. Der beigelegte Artikel von Th. Grüning und N. Schönfeld aus dem Ärzteblatt 12/104 von 2007 hat unsere grundsätzliche Skepsis weiter erhärtet. Insofern geht es uns nicht nur um eine Solidarisierung mit Herrn Dr. Bergmann, sondern mindestens ebenso um die Forderung unabhängiger Ärzteschulungen, die dem grundgesetzlichen Vorsorgeauftrag gerecht werden.
Wir haben großen Respekt vor Ihrer wissenschaftlichen Leistung. Immer mehr Kollegen finden sich eben deshalb in offensichtlichen Wandlungen Ihres Forscherverhaltens nicht zurecht, das sie in jüngerer Zeit zu beobachten glauben. Warum wirken Sie an Schulungen dieser Art mit?
Warum verschweigen oder verharmlosen Sie Forschungen Ihrer Gattin, die Schädigungen an Koniferen und Hamstern nachweisen? Wundert es Sie, wenn Ärzte und Wissenschaftler das Motiv des so gesehenen Wandels in der Sorge um Forschungsgelder vermuten?
Obwohl sich die Unterzeichner der Kompetenzinitiative eine Antwort auch auf solche Fragen wünschen, ist unser Anliegen nicht eine Fortsetzung oder gar Vertiefung der persönlichen Auseinandersetzung. Vielmehr schlagen wir Ihnen als u. E. wissenschaftlich angemesseneren Weg eine öffentliche Disputation vor, in der sich Vertreter Ihres Vertrauens und Vertreter unseres Vertrauens zu den Bedingungen äußern, die für umweltmedizinische Schulungen gelten sollen. Angesprochen werden sollte dabei aber auch die Frage einer Haftung für mögliche Folgeschäden, die sich aus nachweislichen Verharmlosungen ergeben.
Wir hoffen, daß wir beitragen können, die Auseinandersetzung im Geist einer fairen wissenschaftlichen Streitkultur beizulegen.
Mit freundlichen Grüßen im Namen der Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie
i. A.
Prof. Dr. K. Richter Dr. med. M. Kern
gezeichnet auch im Namen von:
Dr. med. dent. C. Scheingraber; Dr. rer. nat. Dipl.-Phys. St. Spaarman;
Dr. med. C. Waldmann-Selsam; Dr. med. Hans-Christoph Scheiner
(stellvertretend für die Gründungsmitglieder der Kompetenzinitiative)